Reit im Winkl, gut eine Autostunde von München entfernt. Der Ort ist klein, hat nur knapp 2600 Einwohner, doch die Idylle ist groß: An den Häusern sind die berühmten Lüftlmalereien zu bestaunen, die Pfarrkirche steht mitten im Dorf, die Gasthäuser mit deftiger Küche sind gut besucht. Und am Horizont wird die Landschaft zum Bilderbuch: Denn dort küssen die Riesen des wilden Kaisergebirges den tiefblauen Himmel.
Die bekannteste Einwohnerin von Reit im Winkl wohnt gleich am Ortseingang. Ein solides Mehrfamilienhaus, an dem schlicht der Namenszug „Hellwig“ steht.
Maria Hellwig hat mit ihrer Tochter Margot (68) Volksmusik-Geschichte geschrieben.
Seit weit über 40 Jahren stehen die beiden auf der Bühne und verzaubern ihr Publikum. „Die Musik macht mir noch immer Freude“, begrüßt uns die Maria. Fast 90 Jahre ist sie, doch ihr Lächeln, die strahlenden Augen, die wenigen Falten wollen so gar nicht zu dem stolzen Alter passen. „Ich bin in Reit im Winkl geboren“, erzählt sie wenig später beim Käsekuchen, „und einen alten Baum, den soll man nicht verpflanzen. Hier fühl ich mich wohl, hier bleib ich.“
Sie führt uns durch ihr Wohnglück, zeigt den geliebten alten Bauernschrank und die gemütliche Sitzecke gleich neben der Küche. Auch die gerahmten Geburtstagsgrüße, die ihr der Papst schickte, den Herbert-Roth-Preis, mit dem sie gerade für ihr Lebenswerk geehrt wurde. Und wir dürfen einen Blick in ihre Garderobe werfen, in der sich ein Dirndl an das nächste reiht. „Margot und ich kaufen unsere Dirndl in Berchtesgaden. Um die 40 Kleider haben wir stets für unsere Auftritte in Gebrauch.“ Margot Hellwig, die in München lebt, hat engen Kontakt zur Mama und besucht sie regelmäßig. „Wir musizieren nicht nur gemeinsam auf der Bühne, sondern auch daheim“, sagt sie und setzt sich ans Klavier. Die ersten Töne des „Andachts-Jodlers“ erklingen und die wunderschönen Stimmen der Volksmusik-Königinnen treffen mitten ins Herz.
Das zeigt auch die Einrichtung: Fast jedes Möbelstück, jedes Bild kann eine Geschichte erzählen: So zum Beispiel die 100-jährige Standuhr, die exakt an dem Tag nicht mehr schlug, als Margots Stiefvater starb. Der gemütliche Stuhl im Wohnzimmer, in dem schon Onkel Georg saß, und die Zeichnungen an den Wänden, die das Elternhaus von Ehemann Arthur zeigen. Über eine schmale Treppe geht es in die zweite Etage. Hier befinden sich das Büro und das Schlafzimmer. Und ganz oben unter dem Dach liegt das Musikzimmer mit dem Klavier. „Als ich acht Jahre alt war, meldete mich die Mama zum Unterricht an“, erinnert sich Margot. Volkslieder liebt sie und Mozartsonaten – oft spielt sie ihrem Enkelkind Olivia (6) etwas aus der Kinderoper „Hänsel und Gretel“ vor.
Und noch ein Instrument wird hier oben wie ein Schatz gehütet. Margot holt einen Kasten mit einer Zither hervor: „Sie gehörte meinem Vater Joseph“, sagt sie. „Er starb im zweiten Weltkrieg. Doch drei Tage vor seinem Tod erreichte ihn ein Brief mit einer blonden Locke von mir und der Nachricht, dass ich geboren wurde. So wusste er wenigstens, dass er eine Tochter hat.“
Wir gehen in den Garten, in dem eine Igelfamilie wohnt und begrüßen den dritten Bewohner im Hause Hellwig: Husky-Hündin Lilli, die Margot aus dem Tierheim geholt hat, um ihr ein schönes Zuhause zu schenken – und die genauso wenig wie die „Königinnen der Volksmusik“ ein nobles Anwesen oder eine Traumvilla zu ihrem Glück braucht ...
Einblick ins Zuhause der Hellwigs:
Maria & Margot Hellwig: "Im schönen Bayern sind wir daheim"
Mit Liebe gezimmert: Dieses niedliche Vogelhaus bekamen die Hellwigs von einem Fan geschenkt
Marias Haus: Im idyllischen Reit im Winkl ist Maria Hellwig geboren, hier lebt sie noch immer
Hohe Ehrung: Die Künstlerin wurde für ihr Lebenswerk mit dem Herbert-Roth-Preis ausgezeichnet
Rarität: Der Tölzer Bauernschrank
Traumtrachten: Die Volksmusik-Stars zeigen uns zwei wunderschöne Dirndl aus ihrer Garderobe
Gute Unterhaltung: Die Hellwigs lesen MEINE STARS
Unser Lieblingsrezept: Käsekuchen nach Großmutters Art
Erinnerung: Sie wird besonders gut aufbewahrt: Die Zither ist von Margots Vater Joseph. Er starb im Krieg. Margot war damals drei Tage alt
Musikzimmer: Wie gemütlich: Unter dem Dach des kleinen Reihenhauses wird musiziert und ganz viel gelesen – zum Beispiel Romane und Geschichtsbücher
Margtots Haus: Margot lebt mit ihrem Mann Arthur in diesem Reihenhaus in München
Treue Gefährten: Husky-Hündin Lilli (12) weicht Margot und ihrem Ehemann Arthur (83) keinen Augenblick von der Seite
Legenden der Volksmusik: Margot begleitet ihre Mutter beim Andachts-Jodler am Klavier
Erbstücke: Margot Hellwig liebt alte Möbelstücke, die Geschichten erzählen
Veröffentlicht in WUNDERWEIB


Foto: Ralf Krein
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